Rizinusöl


Rote Lippen soll man küssen – Rizinusöl sorgt für den Kussmund

Wirkstoff Rizinusöl – Worum geht’s?

In Westasien und Nordostafrika ist der „Wunderbaum“ beheimatet. Genau der Baum, der den Samen liefert, aus welchem dann das Rizinusöl gewonnen werden kann. Fühlt sich der Wunderbaum wohl – also ist es warm genug für ihn- so kann er bis auf Baumgröße heran wachsen. Ist es dahingegen zu kalt für ihn, wird er nur strauchgroß. Ebenso wie der Ölbaum, der Olivenöl  liefert, ist auch die Nutzung des Wunderbaums seit 6.000 Jahren dokumentiert. Und auch in der Bibel wurde die „Rizinusstaude“ erwähnt. Und was auf eine so lange Tradition zurückblicken kann, kann doch gar nicht schlecht sein, oder?

War nicht der Wunderbaum giftig?

Das ist korrekt! Alle Teile der Pflanze, besonders der Samen, sind giftig. Die länglichen, gefleckten Samen, aus denen schlussendlich das Öl gepresst wird, sind in den roten bis rotbraunen, stacheligen Kapseln des Ricinusbaumes enthalten. Die Samen enthalten nämlich das Glykoprotein Ricin, welches bereits in sehr geringen Mengen giftig ist. Dieses Ricin ist eines der giftigsten Eiweißverbindungen, die in der Natur vorkommen. Bereits 0,25 Millgramm oder zwei bis vier Samen sind innerlich eingenommen für einen Erwachsenen tödlich. Dieses Gift hemmt die Proteinbiosynthese und führt so zum Zelltod. Nach Aufnahme der tödlichen Dosis stirbt der Betroffene innerhalb der nächsten 36 bis 72 Stunden.

Daher wird das fast farblose bis leicht gelbliche Pflanzenöl in Arzneibuchqualität kalt gepresst. Das toxische Ricin ist in der Kälte nicht löslich und verbleibt nach der Pressung im Presskuchen. Außerdem kann im Anschluss das Öl zusätzlich raffiniert werden, sodass man sicher geht, dass wirklich kein Ricin im Rizinusöl enthalten ist.

Und was gibt der gefleckte Samen inhaltlich so her?

Rizinusöl ist geprägt durch seinen Gehalt an Tririzinolein. Diese Verbindung besteht aus Glycerin, welches drei mal mit derselben Fettsäure verestert ist. Und zwar mit der einfach ungesättigten Rizinolsäure, welche außerdem eine OH-Gruppe, also eine Hydroxylgruppe aufweist. Das ist wirklich eine große Besonderheit, denn keine Fettsäure sonst kann eine Hydroxylgruppe vorweisen. Diese Eigenschaft ist auch dafür verantwortlich, dass sich das Rizinusöl – anders als die anderen langkettigen Fettsäuren – hervorragend in Alkohol löst. Diese guten Lösungsmitteleigenschaften werden auch gern pharmazeutisch zum Einbringen von Wirkstoffen genutzt. Neben der Rizinolsäure enthält das Rizinusöl geringe Anteile an Öl- und Linolsäure sowie an Palmitin- und Stearinsäure. Erwähnenswert ist außerdem der hohe Gehalt an Tocopherol mit 70 mg/100 g Öl, wobei hier anders als in Olivenöl oder Avocadoöl γ-und δ-Tocopherol dominieren.

Wie wirkt Rizinusöl?

Was sich im Altertum bereits bewährt hat, wird auch heute noch gut sein. So auch das Rizinusöl. Hier muss vor allem auf seine besondere Fähigkeit aufmerksam gemacht werden, tief in die Hornschicht einzudringen und sich dort zwischen den Hornzellen auszubreiten. Außerdem eignet es sich perfekt zum Einsatz in Haarwässern, da es zum Einen alkohollöslich ist und zum Anderen rückfettend wirkt. Außerdem ist das Rizinusöl ein gut haftendes, wasserabweisendes und mazerierendes Schutzöl gegenüber äußeren Einflüssen. Es löst Schuppengewebe auf und macht Narbengewebe elastisch. Jedoch hat das fette Öl des Wunderbaumes seinen Einzug in Hautpflegeprodukte knapp verpasst, denn es fehlen ihm ausreichende Mengen an hautphysiologisch wirksamen Fettsäuren. Dafür ist es aber ein unerlässlicher Inhaltsstoff in Lippenstiften. Hier fördert es die Benetzung der Pigmente. Somit kann die Farbe besser auf den Lippen haften und es schenkt außerdem den Lippenstiften einen sehr schönen Glanz. Auch in anderen Kosmetika, die zum alltäglichen Schminkprogramm gehören, kann dieses Öl in geringen Dosen die Haftung und Pigmentbenetzung eben jener Produkte verbessern.

In der Medizin wendet man das Rizinusöl vor allem innerlich an, da es abführend (laxierend) wirkt. Es wird die freie Rizinolsäure für die Wirkung verantwortlich gemacht, welche aus dem Tririzinolein durch fettspaltende Enzyme und Gallensalze der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) im Dünndarm entsteht. Das Rizinusöl als natürliches Abführmittel wirkt indirekt. Es aktiviert körpereigene Stoffe, welche die Darmentleerung unterstützen. Außerdem schwächt es durch seine indirekte Wirkung auch nach wiederholter Anwendung den Effekt der Darmentleerung nicht ab. Durch eine Histaminfreisetzung, welche auf die Rizinolsäure zurückzuführen ist, wird die Darmperistaltik angeregt und der vergrößerte, aufgeweichte Darminhalt aus dem Darm befördert.

Vorsicht, Nebenwirkungen!

Direkte Nebenwirkungen weist das Rizinusöl an sich ja nicht auf, lediglich das vor allem in den Samen enthaltene Ricin kann für starke Nebenwirkungen sorgen. Eine Vergiftung durch die nett aussehenden Samen lässt folgende Symptome auftreten: starke Schleimhautreizungen im Mund- und Rachenraum, Schädigung von Magen, Darm, Leber und Niere, hohes Fieber, Übelkeit und (blutiges) Erbrechen, Koliken, Kreislaufkollaps mit Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall. Das Kreislaufversagen ist auch die Hauptursache für das tödliche Ende der Vergiftung. Bisher ist kein Gegengift bekannt, das Einzige, was helfen kann: Notarzt anrufen und eine sofortige Magenspülung im Krankenhaus.

Klartext: Sinnvoll oder nicht?

Obwohl wir hier nun auch auf den toxischen Inhaltsstoff der Rizinussamen eingegangen sind, so sei Euch versichert: Gekauftes Rizinusöl unterliegt so strengen Anforderungen, dass Ihr wirklich ganz unbedenktlich Rizinusöl kaufen könnt. Wollt Ihr es als Abführmittel anwenden, so lasst Euch doch in der Apotheke von kompetenten Apothekern beraten, die Euch Auskunft geben können, wie oft und in welchen Mengen dieses Pflanzenöl abführend wirkt. Und vor allem wie stark der Effekt ist. Außerdem sei Eltern gesagt, dass dieses fette Öl auch zum Einsatz bei Kindern kommen kann, die keinen Stuhlgang haben. Das Rizinusöl ist also ein wahrer Allrounder in der Hausapotheke oder dem Kosmetiktäschchen.

 

Quellenverzeichnis:

Ammon ,Hermann (Hrsg.), Curt Hunnius: Pharmazeutisches Wörterbuch. 9. Auflage. de Gruyter Verlag, Berlin, 2004, S. 1304 f

Bräutigam, Brigitte: Lexikon der kosmetischen Rohstoffe. Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2012, S. 45

Käser, Heike: Naturkosmetische Rohstoffe. Freya Verlag, Zürich, 2011, S. 98 ff

Voigt, Rudolf: Pharmazeutische Technologie. Deutscher Apothekerverlag, Stuttgart, 2010, S. 169