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Ist eine Ohrenkerze sinnvoll oder kann sie sogar gefährlich werden?

10. September 2013

Sabine Genau

Kosmetikerin

Ihr habt Fragen rund um die Kosmetik? Dann fragt Sabine um Rat! In null Komma nichts liefert sie Euch die Antwort ohne großes Fachchinesisch. Man soll es ja schließlich verstehen und nicht möglichst hochgestochen klingen!Google Profil


Hey! Ich hab da mal eine lustige Frage. Zumindest finde ich das ziemlich lustig, was mir eine Freundin da gegen meine Erkältung geraten hat. Sie meinte, dass sogenannte Ohrenkerzen helfen könnten. Ohrenkerzen? Ja, das sind tatsächlich Kerzen, die man in die Ohren steckt und dort abbrennt, sagte meine Freundin. Also, ehrlich gesagt, ich hab nur gelacht, als sie mir das vorgeschlagen hat. Das kann doch wohl nicht ernsthaft eine Heilmethode gegen Erkältung sein, oder? Nachdem ich aufgehört habe zu lachen, hat sie mir noch mehr von diesen Kerzen erzählt. Die sollen entspannend wirken und werden anscheinend sogar gegen Tinnitus eingesetzt. Ein wahres Wundermittel also? Das ist doch Humbug, reine Esoterik, oder etwa nicht? Ich hab mich fast mit meiner Freundin darüber gestritten und jetzt will ich es mal genau wissen…

Ja, wenn man es zum ersten Mal hört, klingt das mit den Ohrenkerzen schon ein bisschen lustig und skurril. Der Gedanke, sich Kerzen in die Ohren zu stecken und die dann auch noch anzuzünden, ist zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig. Aber es handelt sich dabei um eine ganz alte Tradition. Viele Naturvölker und Indianerstämme haben Ohrenkerzen als Heilmittel gegen Ohrenbeschwerden eingesetzt. Deshalb nennt man sie auch Hopi-Kerzen, weil sie angeblich auf das Volk der Hopi-Indianer zurückgehen sollen. Das ist aber nicht erwiesen. Die Ohrenkerzen werden in Deutschland seit etwa zwanzig Jahren für und gegen alles Mögliche eingesetzt. Ob es sich dabei tatsächlich um Wundermittel handelt, bleibt allerdings fraglich.

Kamineffekt im Ohr

Die Ohrenkerzen kannst Du Dir so ähnlich wie einen Strohhalm vorstellen, etwa zwanzig Zentimeter lang und sechs Millimeter dick. Sie bestehen aus Flachs oder Baumwollstoff, der mit Bienenwachs getränkt ist. Weil die Kerzen innen hohl sind, entsteht beim Abbrennen ein sogenannter Kamineffekt, der die Wirkweise der Ohrenkerzen ausmacht. Beim Anzünden entsteht zunächst ein Luftzug nach unten, wodurch es im Ohr einen leichten Unterdruck gibt. Dadurch gelangen Wärme und der Ohrenkerze zugesetzte, heilsame Kräuterextrakte ins Innere des Ohres. Wenn etwa die Hälfte der Kerze abgebrannt ist, kehrt sich der Effekt um und die Luft strömt in die andere Richtung, also nach außen. Jetzt findet im Ohr ein Druckausgleich statt, der von den meisten Anwendern als angenehm empfunden wird und Schmerzen lindern kann.

Wärme, Kräuter und Druckausgleich

Durch den Druckwechsel in Verbindung mit der Wärmeeinwirkung werden Durchblutung, Stoffwechsel und Lymphfluss angeregt. Der Sekretfluss kommt ebenfalls in Gang, nicht nur im Ohr, sondern auch in den Stirn- und Nebenhöhlen. So sollen Schlacken und Ablagerungen abtransportiert werden, durch den Kamineffekt gelangen sie schließlich nach außen und reichern sich in den kondensierten Wachsrückständen der Ohrenkerze an. Zudem soll die wohltuende Wirkung der Kerze durch die Stimulation von bestimmten Reflexzonen und Energiepunkten im Bereich des Ohrs verstärkt werden. Im Idealfall sorgt die Kerze so für ein entspanntes Wohlgefühl im ganzen Körper.

Wann wirkt der Kamin im Ohr?

Wie Du schon richtig bemerkt hast, werden Ohrenkerzen gegen alles Mögliche eingesetzt. Vorwiegend dienen sie als Heilmittel gegen Beschwerden im Kopfbereich. Bei Ohrenentzündung und Ohrensausen sollen sie genauso lindernd wirken wie bei leichter Hörschwäche. Auch gegen Kopfdruck und Migräne sind Ohrenkerzen wohl ein wirksames Mittel. Der von Dir schon erwähnte Tinnitus ist ein weiteres Einsatzgebiet. Viele Wellness-Anbieter brennen die Kerzen in den Ohren ihrer Kunden aber auch einfach nur zum Relaxen ab. Wegen ihrer entspannenden Wirkung sollen die Ohrenkerzen ebenfalls bei Schlaflosigkeit, Nervosität und Hyperaktivität gute Effekte erzielen. Manchmal werden die Kerzen auch zur reinen Ohrenhygiene eingesetzt. Wasserrückstände nach dem letzten Tauchgang oder ein Druckgefühl im Ohr nach einer Flugreise können damit ebenfalls behoben werden.

Der Ohrenarzt ist eher skeptisch

Ein HNO-Arzt, der sich zu den Schulmedizinern zählt, wird Dir die Behandlung mit Ohrenkerzen wahrscheinlich eher nicht empfehlen, weil die Anwendung ziemlich umstritten ist. Einerseits konnte die Wirkung bisher nicht medizinisch belegt werden, andererseits sehen die Ärzte auch Gefahren. Bei eitrigen Entzündungen oder Pilzinfektionen des Ohres raten die Mediziner generell von den Kerzen ab. Auch bei Trommelfellverletzungen und akuten Schmerzzuständen sollte man sie lieber aus dem Ohr lassen. Eine brennende Kerze birgt natürlich immer ein gewisses Verletzungsrisiko. Wenn heißes Wachs aus der Kerze auf die Haut, oder gar ins Ohr hineintropft, kann das ziemlich schmerzhaft sein und ernste Verbrennungswunden hinterlassen. Viele Ohrenkerzen enthalten zudem einen Cocktail aus ätherischen Ölen und Kräutern, dessen Inhaltsstoffe eventuell Allergien auslösen können.

Fazit der Redaktion

Ob Du das mit den Ohrenkerzen tatsächlich ausprobieren willst, hängt natürlich von Deiner grundsätzlichen Einstellung ab. Wenn Du sowas für esoterischen Humbug hältst, dann lass doch einfach die Finger davon. Bist Du aber offen für alternative Heilmethoden, dann teste etwa mal die entspannende Wirkung. Wenn´s tatsächlich funktioniert, kannst Du es dann ja bei Deiner nächsten Erkältung auch als Heilmittel ausprobieren. Oder auch Ohrenpflege damit betreiben. Bei der Anwendung von Ohrenkerzen solltest Du allerdings grundsätzlich nicht alleine sein, denn immerhin hast Du es mit einem kleinen Feuer zu tun.


 

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